Es ist immer schwer sich als Dienstleister über gesetzliche Bestimmungen zu freuen, weil wir durch diese in der Vergangenheit natürlich Geld verdient haben. Egal ob DSGVO, Barrierefreiheit oder jüngst der Widerrufsbutton, uns entstehen meistens dadurch Extra-Aufträge. In der KI-Kennzeichnungspflicht sehe ich allerdings auch einen anderen Mehrwert für uns als Online-Marketing-Agentur, denn vielleicht schärft es den Blick auf den Einsatz der KI-Tools.
Ich möchte zunächst einmal Beispiele aus unserem Agenturalltag darlegen, welche im Kontext des Einsatzes von KI auf Kundenseite entstanden sind. Ich erwarte von der KI-Kennzeichnungspflicht keine großen Veränderungen, aber vielleicht blicken einige Menschen dann anders auf KI-Content.
So negativ verändern KI-Tools unseren Agenturalltag
Mediengestalter werden ersetzt durch KI-Plakate
Bei Instagram gehen seit Wochen einige Reels viral, in denen Mediengestalter die Masse an gleich aussehenden KI-Plakaten beklagen, die nicht nur alle gleich aussehen, sondern auch den Verlust kreativer Ideen widerspiegeln. Wir bekamen jüngst den Auftrag ein Werbeplakat für ein neu gegründetes Unternehmen zu erstellen. Also setzen sich unsere Mediengestalter daran und bauten ein Werbeplakat auf Basis des neuen Corporate Designs, welches mit der Website-Erstellung entstand. Dem Kunden gefiel der erste Entwurf nicht, das kann mal passieren, doch anstatt uns ein Feedback zu geben, erstellte er sich ein Plakat mit ChatGPT, ließ dieses drucken und aufhängen. Dieses KI-Plakat enthält weder das Firmenlogo, noch die Firmenfarben und sieht aus wie alle anderen KI-Plakate.
ChatGPT entscheidet über Auftragserteilung
Wir kommunizieren mit Unternehmen immer häufiger ganz offensichtlich mit von ChatGPT erstellten E-Mails. Dies führte letztens sogar dazu, dass ich nach einem netten und zielführenden Gespräch mit einem potenziellen Neukunden einen von ChatGPT erstellten Fragenkatalog als Antwort auf mein Angebot bekam. Die Fragen gingen so tief in das strategische und analytische Online-Marketing hinein, welches die selbstverständliche Vorarbeit auf einen Auftrag deutlich überschritt.
Da mich diese KI-Antwort auf mein Angebot so verärgerte, entschied ich mich erstmals dazu, diesen Fragenkatalog einfach ebenfalls mit ChatGPT beantworten zu lassen. Daraus ergab sich ein PDF aus mehr als 20 Seiten und ich bekam innerhalb von zwei Minuten die Auftragserteilung. Niemals wurden „meine“ Antworten in dieser Zeit gelesen. Das kann doch nicht wirklich die neue Realität sein.
Kunde bewertet unsere Ideen live mit ChatGPT
In einem Strategie-Meeting zum Thema „Social-Media-Marketing“ hat ein Kunde unsere Ideen parallel mit ChatGPT bewerten lassen und uns den Chat geteilt. Nicht nur, dass ich oft das Motto „Besser geht immer“ zitiere, hatte ChatGPT von dem Kunden nicht mal im Ansatz alle Informationen bekommen, sodass die Bewertung vollständig am Ziel vorbeiging. Jedoch hat der Kunde ein so intensives Verhältnis zu ChatGPT, dass diese Meinung seit Monaten mehr zählt als unsere.
Marketingstrategie-Erstellung mit ChatGPT
Eine Kundin hatte ein monatliches Budget von 800,- € für die Marketingbetreuung und schickte mir eine mit ChatGPT erstellte Marketingstrategie und fragte mich, wieso wir das nicht umsetzen würden. In der Marketingstrategie stand unter anderem eine deutschlandweite Plakatwerbung, ein umfangreicher Kampagnenplan für Google Ads und Meta Ads, sowie eine Liste mit den zwanzig erfolgreichsten Influencern in Deutschland, die doch bezüglich einer Kooperation angesprochen werden sollte. Hier war witzig, dass der Influencer „Knossi“ mal wieder auftauchte. Genau diesen Content-Creator wollte im vergangenen Jahr auch jemand über uns buchen und ging davon aus, dass Knossi doch ausschließlich mit einer Umsatzbeteiligung arbeiten könnte. So funktioniert kein Influencer-Marketing in dieser Kategorie.
Arbeitsaufwand wird ständig hinterfragt
Bei uns buchen Kunden meistens ein monatliches Stundenkontingent, aber seit Claude und ChatGPT müssen wir über so viele Rechnungen diskutieren, denn alles würde doch mit KI-Tools viel schneller umgesetzt werden. Natürlich setzen wir auch KI-Tools für einige Disziplinen im Online-Marketing ein, aber komplexe Prompts, Recherchen, die Einarbeitung in neue Themen, eine schnelle Mitbewerberanalyse und weitere Routineaufgaben können wir schneller umsetzen, doch die Verarbeitung des KI-Outputs geschieht größtenteils manuell. Das Zusammenführen dieser Ergebnisse mit Zahlen und Statistiken ist Handarbeit und auch die richtigen Schlüsse für SEO-Maßnahmen oder die Website-Gestaltung basiert auf unseren Erfahrungen aus mehr als 600 Projekten seit 2012.
Website-Beurteilung durch KI-Tools
Ein Kunde blickte kritisch auf eine von uns erstellte Website und holte sich via ChatGPT eine „Expertenmeinung“ ein. Da die Skepsis in dem Prompt geäußert wurde, spuckte ChatGPT eine große inhaltliche Mängelliste aus und empfahl rund 160 Seiten und Beiträge, die zwingend auf die Website gehören würden, um Neukunden ansprechen zu wollen. Mit dieser Aussage konfrontiert, formulierte ich den Prompt anders und zeigte mich im Prompt begeistert von der gleichen Website und wurde mit viel Lob und Begeisterung überschüttet.
Am 28.11.2025 zeigte Jan Böhmermann Im ZDF Magazin Royale in der Ausgabe „Schleimen, Lügen, Dranbleiben: ChatGPT und andere KI-Bots“ auf, wie die KI-Tools versuchen den User glücklich zu machen und bei allen Fragen stets zu bestärken, dass ein gutes Gefühl aufkommt, damit der KI-Chatbot immer wieder genutzt wird. Die Sendung kann hier auf YouTube angesehen werden.
Wozu also noch heute eine Online-Marketing-Agentur beauftragen?
In erster Linie ersetzen wir eine eigene Agenturabteilung mit verschiedenen Experten aus den verschiedensten Bereichen. Unser Team besteht aus zertifizierten und geschulten Mitarbeitenden für Webdesign, Social Media, Suchmaschinenoptimierung (SEO), Meta Ads und Google Ads. Wir haben für eine Großzahl an Branchen bereits erfolgreich Online-Marketing gemacht und können aus jedem Projekt neues Wissens heraussziehen, welches wir für das nächste Projekt einsetzen können.
Selbstverständlich verteufeln wir die KI-Tools nicht, doch setzen uns damit intensiv auseinander, um uns zuverlässige Sparringspartner und Assistenten einzurichten, damit unsere Kunden noch mehr Leistung pro Arbeitsstunde bekommen können.
Wenn ein Unternehmen mit uns arbeitet, dann arbeiten also verschiedene erfahrene Mitarbeitenden für Sie und setzen gezielt ihre Expertisen ein, damit Sie mehr Produkte verkaufen, Anfragen bekommen oder Ihre Dienstleistungen häufiger verkaufen können.
KI-Sichtbarkeit (GEO) ist die Zukunft
Die Sichtbarkeit von Unternehmen in KI-Tools ersetzt bereits heute die Google-Suche. Um hier bei Suchen von potenziellen Neukunden gefunden zu werden, müssen Unternehmen sich intensiver mit Content und der Beantwortung von häufig gestellten Fragen kümmern. Dies kann aber nicht komplett mit KI-Texten geschehen, denn diese Texte liefern keinen Mehrwert, sondern bedienen sich an bereits bestehenden Quellen, die im schlimmsten Fall die Ihrer Mitbewerber sind. Darum ist es wichtig, sich mit diesen Suchanfragen zu beschäftigen, um als Quelle im Google AI Overview und anderen Tools zu erscheinen. Wir beschäftigen uns täglich mit der KI-Sichtbarkeit und konnten hier bereits erste Erfolge für Kunden erzielen.
Was hat dies mit der KI-Kennzeichnungspflicht ab dem 02. August 2026 zu tun?
Die KI-Kennzeichnungspflicht wird durch den Artikel 50 des EU AI Act (KI-Verordnung) in Europa geregelt. Es geht um die Kennzeichnung von Inhalten, wie Audio, Bild, Video und Text, welche von KI-Tools erstellt oder manipuliert wurden. (Quelle: EU Artifical Intelligence Art)
Die IHK Köln, bei der ich damals meinen Ausbilderschein gemacht habe, informiert auf ihrer Website hier, dass folgende Arten von Text-Inhalten unter diese KI-Kennzeichnungspflicht fallen:
- Nachrichten
- politische Informationen
- gesellschaftlich relevante Themen
- Manipulative, meinungslenkende Texte
Die IHK beschreibt auch Beispiele, die nicht von der Kennzeichnungspflicht betroffen sind:
- Produktbeschreibungen
- Texte, die durch Rechtschreibkorrektur der KI verbessert wurden
- Übersetzungen durch KI
- Wenn eine wesentliche Erstellung durch einen Menschen erfolgte
Für uns als Marketingagentur ist der Bereich der „Produktbeschreibungen“ wichtig, denn bereits vor den KI-Tools war das häufig ein relevanter Hebel zur Steigerung der Sichtbarkeit von Online-Shops, da viele Shop-Betreiber häufig die Produktbeschreibungen von Herstellern kopiert haben, aber der Ausbau dieser Texte sorgt bis heute für die Verbesserung von Rankings.
Bei Bildern, Videos. KI-Bots, KI-Telefonasssistenten und digitalen Avataren ist die KI-Kennzeichnungspflicht für mich offensichtlich. Ebenfalls spannend ist die Kennzeichnungspflicht von mit KI-Tools generierten E-Mails, da dies in meinen KI-Schulungen ein häufig erwähnter Anwendungsfall ist.
Es wäre wünschenswert, wenn die KI-Kennzeichnungspflicht dafür sorgen würde, dass Menschen durch die Kennzeichnungen anders auf KI-Content schauen und diesen auch anders wahrnehmen oder deuten. Ich glaube nicht daran und vielleicht sind KI-Plakate und generische Texte unsere Zukunft, weil die Menschen sich über KI-Tools informieren, Empfehlungen einholen und sich das eigenständige Denken dadurch komplett schenken. Glücklicherweise leben wir stets in einer Trendgesellschaft und auch dieser Trend geht vorbei und damit meine ich nicht den Einsatz von KI, sondern den Wandel hin zum geschulten Umgang.
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